Geschwister im Kindergarten – Alltagsanekdote Teil 15

Geschwister in der Kita

Wenn man in der Kita arbeitet, trifft man auf die unterschiedlichsten Charaktere. Nat√ľrlich meine ich damit nicht¬†nur die KollegInnen. Nein, heute geht es mir vielmehr um die Kinder.

Kinder können so unterschiedlich sein, dass es schon gar beängstigend ist. Nur eine Sache kann diese Situation noch tippen: wie unterschiedlich Geschwister doch manchmal sein können! Zumeist komplett verschieden und doch als Einheit zu betrachten, weil sie durch ein durchsichtiges Band immer miteinander verbunden sind.

Irgendwie eine recht ung√ľnstige Konstellation, wenn ich nun als au√üenstehende Erzieherin versuche, sie zu betreuen.

Normalerweise nehmen wir keine Geschwisterkinder in einer Gruppe auf. Nat√ľrlich nicht. Wir sind ja nicht verr√ľckt geworden. Unsere Leitung wei√ü sehr wohl, was passieren kann, wenn man das zul√§sst.

Von Krieg √ľber Liebe, √ľber Himmel und H√∂lle. Nein danke.

Nun sagte ich leider Gottes bereits¬†normalerweise. Denn aus fast schon unerkl√§rlichen Gr√ľnden (Na, ok…sie waren irgendwie doch ganz gut zu erkl√§ren‚Ķaber das gebe ich ungern zu), hatte unsere Kita-Leitung die Idee, eine Ausnahme zu machen.¬†¬†Nur eine einzige Ausnahme. Eine Art Versuch. Vielleicht wollte sie mich und meine KollegInnen auch unter dem Motto: ‚ÄěWie schaffe ich es meine KollegInnen zum K√ľndigen zu bringen? Versuchen wir es mal mit GESCHWISTERKINDERN!‚Äú¬†einfach rausekeln.

Doch ich bin noch mit allen Wassern gewaschen und begebe mich in den Kampf

Eines Tages stehen sie vor der T√ľr unseres Gruppenraumes: Der kleine Tom (er ist gerade drei geworden), mit seinen strubbeligen Haaren und einem frechen Grinsen im Gesicht. Eine Mischung aus wahnsinnig s√ľ√ü und be√§ngstigend – das Aussehen verr√§t schon, dass es dieses Kind faustdick hinter den Ohren hat. Dicht folgt Tom sein gro√üer, aber sch√ľchtern wirkender, Bruder Jan, der sich schon leicht gebeugt hinter Tom zu verstecken scheint. Wie sich schnell zeigte,¬†wirkte¬†er auch nur sch√ľchtern – sein wahrer Charakter ist eher das komplette Gegenteil davon. Irre, wie man sich t√§uschen kann, nicht wahr? Tom ist fast sechs Jahre alt und ein Vorschulkind. Ung√ľnstiger k√∂nnte die Konstellation an Geschwisterkindern auch wirklich nicht sein.

Aber fangen wir mal ganz von vorne an:

Eingew√∂hnung, Abschied von der Mutter, oberfl√§chliches Einleben: Alles l√§uft unkompliziert und einfach ab ‚Äď die Kinder trennen sich dabei kaum. W√§hrend sich die Kita-Leitung schon freudestrahlend √ľber die Geschwisterkinder schw√§rmt und ich sie dabei h√∂re, we sie zu meiner Kollegin sagt, dass es so gut liefe und wir das nun immer tun sollten, stellten sich mir die Nackenhaare auf. Denn ich wei√ü: Das wird noch lange nicht alles gewesen sein.

Das ist die Ruhe vor dem Sturm.

Dass eine Eingew√∂hnung bei Geschwistern recht easy ist, sagt ja schon der gesunde Menschenverstand‚Ķ Schlie√ülich haben sich die Kids untereinander und k√∂nnen zusammen, mit viel Verst√§rkung im R√ľcken, das neue Terrain erkunden.

Alles, was nach der Eingewöhnung kam, liegt jenseits jeder Vorstellungskraft.

Einige Wochen sp√§ter sieht der Alltag n√§mlich schon ganz anders aus und mein Verdacht, dass hinter der Einf√ľhrung der Geschwisterkinder in meine Gruppe eine Mobbingaktion der Chefin steckt, verfestigt sich.

Morgens werden die zwei Geschwisterkinder von ihrer Mama gemeinsam in die Kita gebracht.

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie sich die Kinder untereinander behandeln werden. Ich kann nicht sagen, welche ich besser finde. Sie sind nämlich beide sehr schlecht.So spiele ich noch vor neun Uhr mit dem Gedanken, mir freiwillig ein Bein zu brechen, um möglichst schnell abhauen zu können.

Welche beiden M√∂glichkeiten ich meine? Erkl√§r‚Äė ich Euch:

1. M√∂glichkeit: Tom und Jan sind¬†ein Herz und eine Seele. An sich eine sympathische und sch√∂ne Konstellation. Jedoch nicht, wenn sich die beiden gegen uns ErzieherInnen verb√ľnden.

Da die beiden zu allem √úbel nat√ľrlich¬†auch noch meine¬†Raupen-Gruppe besuchen, leide ich zumeist unter ihren Komplotten. Ich sage ihnen auch immer, dass zwei gegen eins unfair und hart ist – Das interessiert sie blo√ü nicht.

Na ok, vielleicht ist ihr moralisches Verständnis auch einfach noch nicht so weit entwickelt. Doch spätestens, wenn ich androhe zu weinen, sollten sie es doch lassen. Denkt man. Tun sie aber nicht. Sie machen unerbittlich weiter.

2. M√∂glichkeit:¬†Tom und Jan sind¬†kein Herz und keine Seele. Sie sind das Gegenteil: Erzfeinde. Sie hassen sich. Und wie das dann bei Geschwistern so typisch ist, werden die Differenzen ausgetragen. Und zwar ohne R√ľcksicht auf Verluste*.

*Verluste sind in dem Falle zum einen ihre eigene k√∂rperliche Unversehrtheit und zum anderen mein Geh√∂r und meine Nerven ‚Äď denn beide drohen zu rei√üen.

An diesem Morgen entscheiden sich die beiden f√ľr die sch√∂nere, also die¬†Herz-und-Seele-Variante.

Und es beginnt schon nachdem sich ihre Mutter von ihnen verabschiedet hat. Ich bitte die beiden ihre Hausschuhe anzuziehen, um dann in den Stuhlkreis zu kommen. Beinahe synchron sagen die beiden: ‚ÄěN√∂‚Äú.

‚ÄěJa‚Äú sagen sie an diesem Tag nur, wenn es um etwas geht, was beide wollen. Die Meinung des Einzelnen ist hier egal. Sie sind nicht auseinander zu bekommen. Man m√∂chte eine Schere nehmen und den imagin√§ren Kleber zwischen ihnen zerschneiden, um sie voneinander zu trennen.

Irgendwann nach dem morgendlichen Sitzkreis gebe ich dem gro√üen Bruder, Jan, Bescheid, dass er bitte zum Vorschulangebot kommen m√∂ge. ‚ÄěJa‚Äú, sagen pl√∂tzlich beide. Und da steh ich: Mit meinem Latein am Ende.

Was mache ich nun?

Tom ist noch viel zu jung und kann definitiv kein Vorschulangebot mitmachen‚Ķ aber ohne Tom, bekomme ich Jan auch nicht dazu. Und sie sind stur.¬†Unfassbar¬†stur. Zum Wohle aller, insbesondere aber zum Wohle meiner eigenen Nerven, wird aus meinem ‚ÄěDer kleine Tom kann definitiv kein Vorschulangebot mitmachen!‚Äú, schnell ein: ‚ÄěNa gut, Tom‚Ķ Du kannst ausnahmsweise zusammen mit Jan am Vorschulangebot teilnehmen.‚Äú

Wow, ich bin begeistert von meiner Inkonsequenz.

Das Vorschulangebot sprengen die beiden nat√ľrlich. Denn vom¬†Herz-und-Seele-Modus¬†schalten beide kurzerhand in den¬†Erzfeinde-Modus¬†um. Warum? Na, weil Geschwister sich halt gerne mal wegen absolutem Bl√∂dsinn streiten. Ich glaube ja, das hat die Natur so gemacht, damit die ganze Menschheit verr√ľckt wird.

Doch was genau ist vorgefallen?

Jan malt mit einem blauen Stift. Blau ist die Lieblingsfarbe von Tom. Das reicht schon f√ľr eine b√ľhnenreife Eskalation: Sie schreien, rangeln, kloppen, hauen und kratzen.

Als ich einschreiten will, sind sie sich kurz wieder einig ‚Äď zur√ľck also zu¬†ein Herz und eine Seele.

Denn ich habe mich da nicht einzumischen. Wieso auch? Sie werden ganz sicher nicht auf mich hören und ihren Streit einfach so beenden.

Ende vom Lied:

Wir haben zehn Vorschulkinder, die auf Grund der akuten Lautst√§rke und dem Entsetzen √ľber das Geschehen zwischen den Geschwisterkindern gar nichts gelernt haben. Auch Jan hat nichts gelernt ‚Äď au√üer vielleicht, dass so ein Biss in den Oberarm auch anfangen kann zu bluten. Und Tom? Verlor nur viele Tr√§nen und den Kampf mit seinem Bruder.

Dann bin da noch ich.

Ich habe wieder einmal den Glauben an mich und meine erzieherischen F√§higkeiten verloren, h√§nge wieder an dem Gedanken fest, dass meine Chefin mich mit dieser Aktion fertig machen will und habe das gro√üe Bed√ľrfnis nach Feierabend und einem Glas Wein.

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Von Manuela

Manuela kann als Erzieherin sehr gut mit Kindern, aber auch mit Texten.

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