Konzeptreihe Teil 5: Waldorfpädagogik

„Heute tanzen wir mal unseren Namen“

– Eine typische Aussage, die jeder, egal ob vom Fach oder nicht, direkt mit der Waldorfpädagogik in Verbindung bringt. Dies ist nur eines der vielen Klischees, die rund um Rudolf Steiner und seiner Pädagogik kursieren. Doch Waldorf ist mehr als nur Namen tanzen und Öko-sein.

Hinter Waldorf steckt ein ausgefeiltes Konzept, das einem passen mag, oder eben nicht. Nicht umsonst spaltet diese Art der Pädagogik die Meinung der Menschen enorm. Während die einen auf dieses Konzept schwören, sind die anderen abgeneigt und machen sich lustig. Sie können es einfach nicht für voll nehmen.

Doch was steckt da eigentlich genau dahinter?

Hier eine Erklärung:

 Waldorf-Pädagogik

Um die Waldorf-Pädagogik und ihr Wirken in Deutschland und der ganzen Welt zu verstehen, muss man zurückgehen zu der Gründerzeit bzw. zu dem Gründer selbst:

Rudolf Steiner – Ein Mann, ohne den und seine neu begründete, spirituelle, esoterische Weltanschauung, „die Anthroposophie“, die Waldorfpädagogik jetzt nicht existent wäre.  Schließlich bildet seine Weltanschauung den Grundpfeiler seiner später entwickelten Pädagogik.

Dabei versucht die Anthroposophie, Elemente des deutschen Idealismus, der Weltanschauung Goethes, der Gnosis, christlicher Mystik, fernöstlicher Lehren sowie der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zu Steiners Zeit miteinander zu verbinden.

Die Waldorf-Pädagogik mit dem Hintergrund der Anthroposophie entstand 1920 in Stuttgart, als Rudolf Steiner für die Kinder der Mitarbeiter und Angestellten der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik eine Betriebsschule eröffnete. Die Arbeit nach diesem Konzept fand so viel Anklang, dass sie sich mehr und mehr ausbreitete.  Es eröffneten immer mehr Schulen und Kitas nach dem Konzept der Waldorf-Pädagogik. Noch heute wird die Pädagogik weltweit praktiziert und bekommt noch immer mehr Anhänger. In Deutschland gibt es aktuell 561 Waldorfkindergärten und 237 Waldorfschulen, weltweit sind es 1857 Waldorfkindergärten in 65 Ländern und 1092 Waldorfschulen in 64 Ländern.

Doch wie genau funktioniert sie nun, die Waldorfpädagogik?

Steiner legt seiner Pädagogik die Dreigliederung des Menschen zu Grunde. Der Mensch besteht also seiner Meinung nach aus dem Geist, der Seele und dem Leib mit ihren dazugehörigen Fähigkeiten: Denken, Fühlen, Wollen. In der Pädagogik sollen alle drei Bereiche gleichberechtigt geschult bzw. bedient werden. Gleichzeitig ist sie geprägt durch Freiheit und Verantwortung. Auch das Bild vom Kind ist durch dieses Gedankengut geprägt und so ist eine ganzheitliche Betrachtung des Kindes von Nöten.

Hieraus resultieren dann folgende pädagogische Zielsetzungen:

  • Gute Beziehung untereinander und zu den Pädagogen

Das übergeordnete pädagogische Zeil ist es, den Kindern ein soziales Netz zu bieten, das als Rückhalt während der Entwicklung dient.

  • Soziale Kompetenz

Der Verstand wird mit Emotionen wie Mitgefühl oder Verantwortungsbewusstsein entwickelt und gefördert.

  • Körperliche Gesundheit

Das harmonische Zusammensein, gepaart mit dem abwechslungsreichen, ansprechenden Lernen, weckt Lernfreude und unterstützt dabei die körperliche Gesundheit.

  • Lebenslanger Lernprozess

Schon in den Kinderjahren wird durch die umfassende, anregende Bildung das Interesse an der Welt erweckt und dient als Grundlage für einen lebenslangen Lernprozess.

Soweit die Theorie.

Doch wie sieht das ganze jetzt in der Praxis aus?

Wie ist die Arbeit als Erzieherin in einem Waldorf-Kindergarten?

Zunächst sei gesagt, dass dieses ganze Konzept wesentlich komplexer ist als die herkömmlichen Betreuungsideen. Es steckt eine Philosophie hinter dieser Art der Pädagogik, die man als Mitarbeiter mitgehen können muss.

Um in Waldorfeinrichtungen zu arbeiten, bedarf es daher zumeist speziellen Aus- oder Weiterbildung zur Waldorferziehern. Einige Einrichtungen bieten auch an, dass man als Erzieherin ohne Zusatzqualifikation starten kann, um in das System reinzuschnuppern. Eine Weiterbildung zur Waldorferzieherin wird dann zum Beispiel nach einem Jahr verlangt.

Da hier mit der Philosophie gearbeitet wird, dass Geist, Seele und Körper gleichermaßen bedient werden müssen, resultiert daraus eine Pädagogik, die zum einen ganzheitlich ist, zum anderen aber auch extrem abweicht von den herkömmlichen Modellen, bei denen zumeist die Bildung und gezielte Förderung hin zu gesellschaftsfähigen, leistungsstarken Kindern im Vordergrund steht.

Daraus resultiert ein Arbeiten, bei dem eben alles bedient wird. Das heißt zum Beispiel, dass in fast jeder Aktion auch künstlerische oder handwerkliche Bereiche vorhanden sind. Der kreative Prozess spielt eine wichtige Rolle. Zugleich soll es stets um die Freiheit eines jeden Einzelnen gehen, sodass ein frontales Lernen in einer großen Gruppe nicht angestrebt wird. Jeder wird in seiner eigenen Entwicklung und nach seinen eigenen Interessen begleitet und so wird das Kind dazu angeleitet frei zu spielen, um so die Fantasie zu fördern und ein individuelles Lernen zu ermöglichen.

Die soziale Komponente spielt auch eine entscheidende Rolle: Wichtig ist, dass alle Kinder und Erzieher als Gruppe zusammenbleiben. Es entsteht ein Zugehörigkeitsgefühl und eine große Vertrauensbasis zwischen den Kindern und den Erziehern. Übertragen auf die Waldorfschule bedeutet dies übrigens, dass die Kinder von der ersten bis zur zwölften Klasse zusammenbleiben. Über die Jahre entsteht so ein besonderes Gefüge, bei dem alle Entwicklungsstufen gemeinsam gegangen werden.

 Und wie ist das nun mit dem „Namen-tanzen“?

Dieses Klischee kommt von dem Unterrichtsfach Eurythmie, welches in der Waldorfschule gelehrt, aber eben auch schon im Elementarbereich integriert wird. Eurythmie versteht sich als Bewegungskunst, bei der Sprache und Musik künstlerisch zum Ausdruck gebracht werden. Dazu werden bestimmte Gebärden, Gesten, Farben und Formen eingesetzt.

Natürlich bestätigt dies die leichte esoterische Note, die der Anthroposophie geschuldet ist.

Und warum ist das alles immer so öko?

Tatsächlich sind Waldorfeinrichtungen in einem ganz besonderen Stil eingerichtet. Man findet kein Plastikspielzeug, Puppen etc. sind oftmals selbst gehäkelt. Generell scheint alles aus rein natürlichen Stoffen zu bestehen und irgendwie hat man zusätzlich das Gefühl, dass in den Räumen eine ganz ruhige Atmosphäre herrscht. Die Welt scheint sich ein wenig langsamer zu drehen und alles scheint geerdeter. Dies ist wieder der zugrundeliegenden Philosophie der Pädagogik geschuldet: Die Gestaltung des Raumes und die Auswahl der Spielmaterialien zielen bewusst darauf ab, dass die Kinder individuell und ganzheitlich gefördert werden können. Der Raum in dem dies geschieht, soll warm sein und eine vertraute Umgebung bieten. Dies passiert nun mal am besten mit warmen, natürlichen Materialien wie Holz oder Wolle.

Ist das was für mich?

Die Waldorfpädagogik und die Einrichtungen, die nach diesem Konzept arbeiten, sind ganz besonders. Ob das wirklich was für einen ist und man sich seinen Arbeitsalltag dort vorstellen kann, findet man nur heraus, in dem man mal in einer Einrichtung mit diesem Konzept reinschnuppert. Es ist eine absolute Typfrage, ob man sich mit dem Konzept identifizieren kann und die Anthroposophie mitgehen kann. Einen Versuch ist es definitiv wert.

 

Von Manuela

Manuela kann als Erzieherin sehr gut mit Kindern, aber auch mit Texten.

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