Alltagsanekdote Teil 9: Tür- und Angelgespräche, wie sie (nicht) im Buche stehen…

Ach ja. Die wunderbaren Tür-und Angelgespräche…

Da kommt schon so einiges Komisches zusammen und dabei liegt die Betonung auf „zusammen“. Zusammen deshalb, weil sich bei den Bring- und Abholzeiten zu Stoßzeiten alles an Menschen anstaut und jeder irgendwas sagt, oder sagen will oder darauf wartet was zu sagen. Und dann steht man da als Erzieherin* und wird bombardiert. Eigentlich sollte man die Tür jeden Morgen und jeden Mittag mit den Worten „FEUER FREI“ öffnen und sich dann gepflegt von allen Seiten bereden lassen.

Infos entgegennehmen, Fragen beantworten, Smalltalk, Kontaktaufbau… ach was nicht alles. Und wie wir alle wissen: Mütter können verdammt fordernd sein und das wiederum kann verdammt anstrengend werden.

An manchen Tagen fühlt es sich an wie ein kleiner Kampf. Nicht umsonst spielen viele Kolleginnen Schnick Schnack Schnuck darum, wer sich an dem Tag diesem Kampf stellen muss. Die Verliererin zieht hinein und gibt ihr Bestes, dass sie diese halbe Stunde gut überlebt, und die Gewinnerin verkrümelt sich gemütlich in den Gruppenraum und nimmt die ankommenden Kinder entgegen. Ist das fair? Na klar. Einer muss es ja tun. Und Schnick Schnack Schnuck ist nun mal eine völlig legitime Entscheidungsfindung. Schade nur, wenn eine Person immer und immer wieder verliert, aber so ist das Leben eben. Sie ist schlussendlich Kriegserprobt. So kann man es auch sehen. Tür- und Angelgespräche machen einen psychisch und physisch fit! Topfit! Also… was will man mehr? Ein Hoch auf diese Gespräche.

Und genau mit dieser Einstellung hätte ich wohl auch in diesen Morgen starten sollen, als eben ich diese Person war, die mal wieder an die Front musste.

Mit der richtigen Einstellung klappt nämlich alles viel besser….

Ich jedoch bin so gar nicht optimistisch. Denn ich habe absolut keine Lust an diesem Morgen diese halbe Stunde Bringzeit zu überstehen. Ich finde das nämlich nicht befriedigend! Es ist ein „Überstehen“ und man wird doch nun wirklich niemandem so richtig gerecht. Man kann weder die einzelnen Kinder richtig begrüßen, noch den Eltern ein bisschen Zeit einräumen, die sie vielleicht verdient hätten.

Und wenn 25 Kinder mit 25 Eltern quasi gleichzeitig die Eingangstür stürmen, ist es einfach nur hart. Naja, und gleichzeitig überfordert der Informations-Überfluss mein Gehirn zu früh am Morgen.

Ich gehe also zur Tür und sehe schon von weitem (es ist eine Glastür), dass von den 25 Kindern bereits zehn Kinder mit ihren Müttern, Vätern oder Eltern (ja, teils werden sie von beiden Elternteilen gebracht) wie Pferde mit den Hufen vor der Tür scharen. Es ist ein wuseliger Haufen. Ich atme tief durch und schließe die Tür auf. Das „Feuer frei“ verkneife ich mir dezent und bleibe beim höflichen: „Guten Morgen!“

Und dann geht es los.

Die hektischen, die pünktlich zur Arbeit müssen, schieben ihre Kinder nervös an der Schlange und an mir vorbei. Die ersten drei Infos kriege ich im Vorbeigehen einfach zugerufen: „Max hat schlecht geschlafen. Der wird nicht gut drauf sein.“

„Ich lege für Susanne eben eine neue Matschhose hin, dann wisst ihr Bescheid. Könnt ihr die alte eben an ihren Haken hängen? Dann nehme ich sie heute Mittag mit.“

„Ole wird heute von Oma geholt. Er hat ’ne extra Brotdose in der Tasche. Könnt ihr der Oma ja eben sagen.“

Okay. Abgespeichert. Na, so halb. Dann kommen die Kinder, deren Eltern mehr Zeit haben.

„Also, ich war ja gestern mit Miriam beim Arzt. Wir haben das alles nun durchchecken lassen und rein körperlich ist da nichts auszumachen. Wie ist ihr Verhalten denn nun die letzten Tage hier im Kindergarten?“

Uff. Ich denke kurz nach, um geschickt zu antworten.

Die Mama von Tim mogelt sich an uns vorbei, sie hat es wahnsinnig eilig: „Tim darf keine Nüsse mehr essen. Hatte gestern einen Allergietest. Dann wisst ihr Bescheid!“

Ich versuche diese wirklich wichtige Info abzuspeichern und beginne die Antwort an Miriams Mutter. Doch in dem Moment, kommt schreiend der kleine Ben angelaufen. Er springt in meine Arme. Ich begrüße ihn ganz herzlich. Die Mama kommt völlig aus der Puste angerannt. Sie weint: „Ich weiß gar nicht, was los ist! Er ist mir einfach weggelaufen und hört überhaupt nicht mehr auf mich.“
Während Ben schon im Gruppenraum verschwunden ist, tröste ich die Mutter. Miriams Mutter trippelt hektisch von einem auf das andere Bein. Ich bin ihr noch eine Antwort schuldig. Oh, Svenja kommt mit ihrer Mama… Die sofort mit dem Reden beginnt:

„Entschuldigung, ich möchte nicht stören oder so. Ich muss nur schnell zur Arbeit und wollte eben sagen: Gestern ist unser Kater Flocke gestorben. Svenja nimmt das ziemlich mit. Vielleicht könnt ihr da ja ein passendes Buch oder so mit ihr lesen. Das wäre ganz toll!“

Alles klar. Hab‘ ich registriert:

Buch lesen mit Svenja. Langsam füllt sich mein Hirn. Ich wende mich Miriams Mama zu und schlage ihr vor, dass wir einen Termin für ein Elterngespräch vereinbaren. Ich denke, dass das in diesem Fall sinnvoller erscheint. Wir einigen uns auf den 22.9. um 14 Uhr und ich versuch inständig mir diesen Termin zu merken.

Dann ist da also nur noch die weinende Mama von Ben, die ich schon mit meinen ersten Worten etwas besänftigen konnte. Und während ich so mit ihr rede, kommen Kinder und gehen Eltern und es kommen noch ein paar Infos oder nur lapidare Nachfragen, wie mein Wochenende gewesen sei, oder ob meine Obstbäume dieses Jahr auch so viele Früchte tragen. Da steigen noch ein paar Muttis mit ein und schon sind wir alle samt beim Klimawandel angekommen. Na klar, und dann ist Corona auch nicht mehr weit und der Krieg in der Ukraine und überhaupt das Leben und die Kinder werden auch so schnell groß und plötzlich sind alle alt und Rente gibt es dann auch nicht mehr. Kennt man ja. Typisches Gerede. Und zack 30 Minuten um, 25 Kinder da, eine sehr abgeschlagene Kollegin (ich) und eine sehr entspannte Kollegin (die Schnick Schnack Schnuck-Schummlerin).

Und dann fragt sie auch noch (natürlich tut sie das! Es ist ihr Job): Gibt es was, das ich wissen sollte?

So liebe Leute: Gehirnjogging vom feinsten… ich lege los:

  • Max hat schlecht geschlafen, wird schlechte Laune haben.
  • Susanne hat ne neue Matschhose. Wir müssen die alte eben an ihren Haken hängen.
  • Ole wird heute von der Oma abgeholt. Er hat eine extra Brotdose in der Tasche. Sollen wir der Oma heute Mittag eben sagen.
  • Miriam war beim Arzt. Körperlich ist alles gut. Aber ich habe mich jetzt mit der Mama zum Elterngespräch verabredet. Am 22.9. um 14 Uhr.
  • Tim hat eine Nussallergie.
  • Ben ist der Mama weggelaufen. Sie hat sehr geweint und ist verzweifelt über sein Verhalten.
  • Svenjas Kater ist gestern gestorben. Die Mutter bittet darum, ob wir da vielleicht ein passendes Buch lesen könnten.

Ich glaube…. Das war‘s! Stolz blicke ich meine Kollegin an. Diese antwortet nur trocken: „Och, das geht ja heute ausnahmsweise mal!“ Und das Schlimme daran ist: Sie hat Recht!

*Zur besseren Lesbarkeit von Personenbezeichnungen & personenbezogenen Wörtern wurde hier die weibliche Form genutzt. Diese Begriffe gelten für alle Geschlechter.

Von Manuela

Manuela kann als Erzieherin sehr gut mit Kindern, aber auch mit Texten.

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