Burnout als Erzieher*in – Das große KiTa- Jobs Interview mit einem Betroffenen

Burnout ist in aller Munde und scheint irgendwie eine Art „Modekrankheit“ geworden zu sein. Doch in Wirklichkeit ist es viel mehr als das! Es ist eine ernstzunehmende Erkrankung. Ein Zustand, der Behandlung bedarf, mit dem das Leben nicht mehr lebenswert und das Arbeiten nicht mehr möglich ist. Gerade im sozialen Bereich häufen sich die Burnout-Fälle immens. Das hat diverse Gründe. Aber der Hauptgrund liegt klar auf der Hand:

Die Anforderungen an diese Arbeit sind gestiegen. Gerade in den letzten Jahren hat sich dies auf Grund von Personalmangel und gesellschaftlichen Veränderungen stark dramatisiert.

Und da hat es nichts mit mangelnder Kompetenz oder Belastbarkeit zu tun, wenn die Leute im sozialen Bereich in Scharen an Burnout erkranken.

Aber: Lest selbst!

Hier das Interview (Name und persönliche Details wurden zum Schutz der Anonymität des Befragten geändert):

Ich: Hallo, schön dass du da bist und dir die Zeit nimmst, uns an deinem Schicksal teilhaben zu lassen.

Sven: Hallo, es freut mich hier zu sein.

Ich: Ich habe dich ja eingeladen, um mit dir über das Thema Burnout bei Erziehern zu sprechen. Da hast du ja deine ganz persönliche Geschichte. Richtig?

Sven: Ja genau.

Ich: Vielleicht fangen wir einfach mal ganz vorne an: Du hast die Ausbildung zum Erzieher gemacht und wie ging es dann für dich weiter?

Sven: Zunächst bin ich als Berufseinsteiger ganz normal in den Job gestartet. Mit viel Energie!

Ich: Und Motivation?

Sven: Allerdings. Die Arbeit hat mir Spaß gemacht und ich habe keine Situation ausgelassen, auch zusätzliche Arbeit zu machen, um meinen Horizont zu erweitern und mich zu professionalisieren.

Ich: Was heißt das genau? Hast du nebenbei auch noch Fortbildungen gemacht, oder wie muss ich mir das vorstellen?

Sven: Genau! Ich habe sämtliche Fortbildungen mitgemacht, die ich nur mitmachen konnte und habe zusätzlich dazu auch noch eigene Weiterbildungsmöglichkeiten wahrgenommen.

Ich: Uff: Das hört sich nach sehr viel Arbeit an!

Sven: Ich habe das nicht als Arbeit wahrgenommen, sondern als Persönlichkeitsformung. Ich habe halt auch relativ schnell gemerkt, dass die Basics meiner Ausbildung für den Job gar nicht ausreichen.  Das hat mir am Anfang unheimlich viel gebracht – für mich persönlich und für meine Arbeit. Und das führte dann letztendlich auch dazu, dass ich andere und zusätzliche Sichtweisen für Problematiken bekommen habe und dadurch auch anders gelöst habe, was wiederum dann dazu geführt hat, dass mein Ansehen in der Einrichtung, beim Träger und bei den Kindern immer mehr stieg.

Ich: Inwiefern stieg denn dein Ansehen?

Sven: Naja, das Personal schätzte mich immer mehr, weil mein erweitertes Fachwissen gefragt war und die Kinder haben einfach gemerkt, dass ich andere Herangehensweisen zur Problemlösung hatte. Das kam unheimlich gut an.

Ich: Dann bist du wahrscheinlich innerhalb der Einrichtung in der Position ziemlich schnell aufgestiegen, oder?

Sven: Ja genau und das hat dann dazu geführt, dass ich letztendlich noch mehr lernen musste. Leitungsaufgaben, Personalmanagement, Planung und Wirtschaftsthemen. Alles Dinge, die noch dazu kamen und mich kurzfristig auch interessiert haben. Ich habe aber relativ schnell gemerkt, dass diese Entwicklung konträr zu dem war, was ich eigentlich tun wollte und was mich ausgezeichnet hat.

Ich: Was wolltest du denn tun?

Sven: Ich wollte direkt am Kind arbeiten und die Stellschrauben im Kleinen drehen und nicht im Großen. Diese Einsicht kam aber leider erst, als ich schon so tief in der höheren Position verankert war, dass ein Rückzug nicht mehr so leicht möglich war. Weder auf Betriebsebene noch auf persönlicher Ebene.

Ich: Also hast du in einer Position gearbeitet, die dir letztlich nicht gutgetan hat. Hast du denn weiterhin so viel gearbeitet?

Sven: Eigentlich führte alles dazu, dass ich immer mehr gearbeitet habe und dadurch entstand für mich der Eindruck, dass ich in der ganzen Einrichtung der Einzige bin, der alle Dinge regeln kann. Somit führte es dazu, dass ich irgendwann auch angefangen habe, in meiner eh schon begrenzten freien Zeit, zu arbeiten. Zum Beispiel administrative Dinge.

Ich habe auch angefangen Aufgaben von Kollegen zu übernehmen, weil sie mir vermeintlich schneller und einfacher von der Hand gingen und ich gar nicht mehr gesehen habe, dass Kollegen auch die Chance bekommen müssen, ihre Arbeit selbst zu bewältigen.

Ich: Hattest du zu dem Zeitpunkt noch Motivation und Energie deinen Job zu machen?

Sven: Ja. Irgendwie schon. Die Energie war noch da. Ich selbst hab immer gesagt: Ich krieg das alles hin. Ich krieg das besser hin. Da haben die Kinder was von, da haben die Eltern was von. Und letztlich haben mir dann aber auch die Reaktionen der Kinder die Energie zurückgegeben.

Ich: Wie ging es dann weiter?

Sven: Ich habe halt irgendwann gemerkt, dass ich mich immer mehr für meine Arbeit selbst belohnen muss.

Ich: Inwiefern?

Sven: Essen, Alkohol, Zigaretten und Kaffee.

Ich: Oh je. Also ein völlig ungesunder Lebensstil…

Sven: Genau. Und da war dann irgendwann ein Punkt erreicht, an dem ich dachte: Das kann´s doch nicht sein. Im Folgenden fiel mir dann auch auf, dass die Arbeit, die ich eigentlich liebe und die ich gut konnte, auf der Strecke geblieben ist. Ich war unausgeglichen, schnell genervt und gereizt.

Ich: Kam es dann zu einem Zusammenbruch?

Sven: Ja!

Ich: Wie muss ich mir das konkret vorstellen?

Sven: Zunächst einmal hat mein privates Umfeld reagiert und mich gewarnt. In meiner damaligen Wahrnehmung hat mein Umfeld maßlos überreagiert. Ich habe solche Gespräche abgeblockt und nicht weiter drüber nachgedacht, bis ich dann tatsächlich eines Tages morgens nicht mehr aus dem Bett aufstehen konnte und mich krankmelden musste. Das kam immer häufiger vor.
Und dieses Fehlen bei der Arbeit führte dazu, dass der vermeintliche Berg an Arbeit nach dem Krankheitstag quasi unüberwindbar erschien. Der Gedanke an die Arbeit führte zu körperlichen Symptomen.

Ich: Welche waren das?

Sven: Schweißausbrüche, Augenzucken, Übelkeit und Durchfall.

Ich: Und wie ging es dann weiter?

Sven: Eines Tages war da nichts mehr. Eine absolute Leere im Kopf. Ich konnte nicht mehr aufstehen. An diesem Tag saß ich 9 Stunden auf der Couch und habe die Wand angestarrt. Was ich da gedacht hab, oder wie diese Stunden vergangen sind… das weiß ich nicht mehr. Ich habe einfach nur dagesessen und es fühlte sich an, als sei mein Gehirn auf 0 gesetzt worden.

Ich: War dir dann klar, dass du Hilfe benötigst?

Sven: Ja. Ich hatte Gott sei Dank die Möglichkeit, mich mit meiner Geschäftsführung zu besprechen und habe mich dann in Rücksprache mit meinem Hausarzt krankschreiben lassen.

Ich: War dir sofort klar, dass es sich bei deiner Geschichte um Burnout handelt?

Sven: Nein. Ich hatte von Burnout schon oft gehört und mein Umfeld hatte mich ja häufig genau davor gewarnt, aber dennoch habe ich das nie mit mir in den Zusammenhang bringen können.

Ich: Wer hat dich dann darauf gebracht, dass es sich bei dir und deiner Geschichte um ein klassisches Burnout handelt?

Sven: Nun ja. Nachdem ich krankgeschrieben wurde, wurde ich ja an einen Psychotherapeuten verwiesen. In der Therapie wurde mir zügig klar, worum es da eigentlich geht.

Ich: Wie geht es dir heute?

Sven: Ich würde sagen: Gut! Die Hilfsangebote, die ich angenommen habe, haben ihre Früchte getragen. Die Rehamaßnahme habe ich erfolgreich beendet und konnte viel daraus mitnehmen und die Therapie läuft noch.

Ich: Was denkst du nun rückblickend darüber?

Sven: Wenn du dich zuverlässig und gut um andere Menschen kümmern willst, dann musst du dich genauso gut um dich selbst kümmern und eigentlich beides zumindest auf gleicher Stufe betrachten. Der Punkt Selbstfürsorge steht hier ganz oben. Außerdem habe ich verstanden, dass ich achtsamer durchs Leben gehen muss und die Reaktionen meines Umfeldes ernst nehmen muss.

Ich: Wie sieht es jetzt gerade beruflich bei dir aus?

Nach Rücksprache mit meinem Therapeuten und einem langen Gespräch mit der Geschäftsführung, wurde mir eine Wiedereingliederungsmaßnahme angeboten. Diese startet in 14 Tagen.

Ich: Wow, das klingt ja gut!

Sven: Ja! Auf jeden Fall. Ich bin auch dankbar und freu mich auf die Zukunft.

Ich: Und hast du nicht auch ein bisschen Sorge, dass dir das Gleiche nochmal widerfährt?

Sven: Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich habe in der Reha so viel lernen können und fühle mich gestärkt. Ich weiß, wie ich jetzt genug Selbstfürsorge betreibe, dass ich da nicht wieder reinrutsche.

Ich: Perfekt. Das hört sich großartig an. Dann wünsche ich dir alles Gute für die Zukunft, einen ganz tollen Start in die Wiedereingliederung und bedanke mich recht herzlich für dieses tolle und vor allem wahnsinnig offene Interview.

Sven: Vielen Dank!

Von Manuela

Manuela kann als Erzieherin sehr gut mit Kindern, aber auch mit Texten.

Categories:   Allgemein, Erzieher-News, Gesund in der Kita, Kita und Karriere, Kita-Leben, Kita-Pädagogik, Kita-Qualität

Kommentare

Sorry, keine Kommentare erlaubt.